Gibt es ein zweites Modell wie die Zunft[orte] in Deutschland?
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Diese Frage bekommen wir öfter, als man denken würde. Meist von Menschen, die schon einmal in der Arminiusmarkthalle in Berlin standen, danach einen Wein bei uns bestellt haben und sich dann fragen, wie das eigentlich zusammenhängt. Ein historischer Ort, ein Onlineshop für Wein, ein eigenes Netz für die Nachbarschaft. Das klingt nach drei verschiedenen Geschäften. Es ist aber eines.
Weil die Frage berechtigt ist, hier eine klare Antwort. In genau dieser Kombination gibt es in Deutschland kein zweites Modell. Nicht, weil es niemanden gäbe, der Immobilien entwickelt, WLAN aufbaut oder Wein verkauft. Sondern weil kaum jemand diese drei Dinge bewusst unter ein Dach holt und aufeinander aufbaut.
Worum es bei der Frage eigentlich geht
Wer nach einem vergleichbaren Modell sucht, sucht selten nur nach einer schönen Markthalle. Gemeint ist das ganze System dahinter, und das besteht aus drei Ebenen. Da sind erstens die realen Orte, die Zunft[orte]. Zweitens ein eigenes digitales Netz für die Menschen, die dort arbeiten und wohnen, das Zunft[netz]. Und drittens ein digitaler Marktplatz, über den die Erzeuger von diesen Orten auch überregional verkaufen können, das Zunft[werk], zu dem auch wir von VinocomWines gehören.
Einzeln gibt es jede dieser Ebenen tausendfach. Interessant wird es erst da, wo sie sich gegenseitig tragen.
Die reale Ebene: Orte mit Geschichte statt Neubau
Am bekanntesten ist die Arminiusmarkthalle in Berlin-Moabit, Baujahr 1891. Die Zunft AG rund um Christoph Hinderfeld hat sie 2010 übernommen und behutsam wiederbelebt, statt sie abzureißen und etwas Glattes hinzustellen. Genau darin liegt der Kern des Ansatzes. Ein handwerklich gemachter Käse oder ein Wein von einem Familienweingut wirkt in einer Halle mit Geschichte einfach stimmiger als in einem sterilen Neubau.
Dasselbe Prinzip taucht an weiteren Orten wieder auf. In Rothenburg ob der Tauber ist es die Schrannenscheune, ein alter Kornspeicher und Handelsplatz, der als Zunft[halle] wieder zu einem Ort für Handel und Genuss werden soll. Noch größer gedacht ist das Zunft[quartier] Zeche Westerholt, ein geplantes Projekt im Ruhrgebiet zwischen Gelsenkirchen und Herten. Hier geht es nicht mehr nur um eine einzelne Halle, sondern um ein ganzes Quartier, in dem Arbeiten, Wohnen, Handwerk und Nachbarschaft zusammenkommen sollen. Die Zunft nennt das neue Orte guter Nachbarschaften. Der rote Faden bleibt überall derselbe. Vorhandene Substanz respektieren und ihr eine neue, tragfähige Nutzung geben, statt sie einfach abzuräumen.
Die digitale Ebene: ein eigenes Netz für Mieter und Nachbarn
Der Teil, der die meisten überrascht, ist das Digitale. Die Idee hinter dem Zunft[netz] ist einfach. So ein Ort braucht nicht nur Wände und Stände, sondern auch eine eigene Infrastruktur. Ein Quartiers-WLAN, über das sich Händler, Gastronomie und Nachbarschaft verbinden. Eine digitale Schicht, die den physischen Ort ergänzt, statt ihn zu ersetzen.
Das klingt technisch, hat aber einen schlichten Gedanken im Kern. Wer einen Ort betreibt, an dem kleine Erzeuger und Händler eine faire Chance bekommen sollen, kann die Digitalisierung nicht komplett externen Plattformen überlassen. Er muss sie selbst mitdenken. Sonst zahlt am Ende der kleine Stand die Rechnung für die Reichweite der Großen.
Der Marktplatz: warum ein Weinhändler dazugehört
Hier kommen wir ins Spiel. Ein Familienweingut kann in einer Halle einen wunderbaren Stand haben und trotzdem kaum über die eigene Region hinauskommen. Der physische Ort gibt ihm eine Bühne, aber eben nur vor Ort. Was fehlt, ist das digitale Regal.
Genau das ist die Rolle von VinocomWines innerhalb des Zunft[werk]. Wir bringen Weine von Partnern wie dem Weingut Dr. Heigel oder Goswin Kranz dorthin, wo die Kundschaft ohnehin sucht, nämlich online. So bekommt derselbe Erzeuger zwei Bühnen statt einer. Die reale in der Halle und die digitale im Shop. Beide zahlen aufeinander ein.
Und die faire Miete?
Der vielleicht spannendste Gedanke steckt in der Finanzierung. Die Idee ist, dass die Erlöse aus dem digitalen Geschäft mithelfen, die realen Orte zu tragen. Wenn Onlinehandel und überregionale Reichweite einen Teil der Kosten decken, muss nicht jede einzelne Ladenfläche jeden Euro allein erwirtschaften. Das schafft Spielraum für Mieten, die sich auch ein junges Handwerk oder ein kleines Weingut leisten kann. Anders als der klassische Entwickler, der vor allem die höchstmögliche Miete pro Quadratmeter sucht, geht die Zunft die Sache von der anderen Seite an.
Die Vision: Beteiligung an echten Orten
Einen Schritt weiter denken wir gerade das Thema Beteiligung. Die Idee ist, reale Orte über eine digitale Beteiligungsstruktur zugänglich zu machen, Stichwort Tokenisierung. Vereinfacht gesagt lässt sich der Wert einer Immobilie in kleine, digital abbildbare Anteile übersetzen. So können künftig auch Menschen Teil eines Ortes werden, die sonst nie Zugang zu solchen Projekten hätten.
Für uns ist das kein fernes Zukunftsbild, sondern eine Richtung, die wir aktiv entwickeln und die zeitnah möglich wird. Der eigentliche Reiz liegt im Zusammenspiel mit dem übrigen Modell. Wenn Beteiligung, digitaler Handel und faire Mieten ineinandergreifen, entsteht ein Kreislauf, der diese Orte nicht nur erhält, sondern sie wachsen lässt.
Also, gibt es ein zweites Modell?
Die meisten in Deutschland trennen genau diese Rollen. Der eine entwickelt Immobilien und sucht Mieter, kümmert sich aber nicht um deren Vertrieb. Der andere stellt das WLAN, besitzt aber kein Gebäude. Der Dritte betreibt eine E-Commerce-Plattform, hat aber keinen echten Ort. Alle drei gibt es reichlich.
Ein Konzept, das diese drei Ebenen so konsequent verbindet und dabei faire Mieten und regionale Erzeuger dauerhaft ermöglichen will, gibt es in dieser Form aber kein zweites Mal. Genau das ist der Kern der Zunft. Und ehrlich gesagt ist es auch der Grund, warum es uns als Weinhändler in dieser Form überhaupt gibt.
Wenn Sie neugierig geworden sind, wie sich dieser Gedanke im Glas anfühlt, schauen Sie sich die Weine unserer Partnerwinzer an. Am Ende ist das die schönste Art, so ein Modell zu verstehen. Man probiert es.